Zwischen Zollstock und Prüfungstisch

Im Gespräch mit der ehrenamtlichen Prüferin Kristina Keller


In der deutschen Handwerksausbildung spielen ehrenamtliche Prüfer eine zentrale Rolle. Sie sichern nicht nur die Qualität der Abschlüsse, sondern tragen auch dazu bei, dass die Ausbildung praxisnah und zukunftsorientiert bleibt. Eine von ihnen ist Kristina Keller. Im Interview verrät sie, wie sie dazu kam, dass sie sich in mittlerweile drei Prüfungsausschüssen engagiert und wie ihr das Ehrenamt dabei hilft, eine alte Weisheit ihres Großvaters in die Tat umzusetzen.

Frau Keller, wie sind Sie zu Ihrem Ehrenamt gekommen?

2003 hatte ich gerade meinen Betriebswirt gemacht. Mein Prüfer nutzte die Gelegenheit und fragte mich, ob ich Interesse hätte, im Ausschuss mitzuarbeiten. Er suchte junge Leute, die sich einbringen wollten. Seitdem war ich dabei.

Während meiner Schwangerschaft konnte ich zunächst nur administrative Aufgaben übernehmen, also vor allem Prüfungen korrigieren. Danach habe ich eigentlich immer die Bürokaufleute geprüft. Und weil ich sehr nah an Rohr wohne, hat es nicht lange gedauert, bis ich gefragt wurde, ob ich nicht mal bei den Ausbildereignungsprüfungen einspringen könnte.

Mein Opa hat mir beigebracht: „Was du gelernt hast, kann dir keiner mehr nehmen.“ Deshalb war ich bereit, mich weiterzubilden und in diesen Bereich hinein zu schnuppern. Es macht Spaß, mit unterschiedlichen Leuten zusammenzuarbeiten. Und es ist auch eine andere Herausforderung als im täglichen Arbeitsgeschäft. Ich habe mir gesagt „Ich probiere das einfach mal aus!“ und habe an der Tätigkeit so viel Gefallen gefunden, dass ich jetzt in mehreren Prüfungsausschüssen tätig bin: Seit 2003 im Gesellenprüfungsausschuss für Kaufleute für Büromanagement, seit 2006 im Fortbildungsprüfungsausschuss für die AEVO und seit 2022 im Ausschuss für die Geprüften Kaufmännischen Fachwirte. Mittlerweile bin ich auch Vorsitzende des AEVO-Ausschusses.

Sie sprechen von der Abwechslung zu Ihrem beruflichen Alltag. Was für ein Unternehmen haben Sie?

Holzhandel und Zimmerei. Ich bin der Buchhalter bei uns im Büro, mein Bruder ist der Zimmerermeister. Er leitet die Zimmerei und auch mein Vater und meine Mutter arbeiten bei uns im Betrieb. Weil wir aber nur ein kleiner Familienbetrieb sind, erledige ich nicht nur administrative Tätigkeiten, sondern fahre auch den Gabelstapler, lade auf und ab, schneide zu und bediene Kunden.

Ist es für Sie als Prüferin wichtig, so gut aus erster Hand zu wissen, wie es in einem Handwerksbetrieb zugeht?

Im Handwerk ist es nicht so wichtig, einen Fachbegriff zu beherrschen, sondern man muss die Hintergründe kennen und erklären können. Wie auf Baustellen sind auch klare Anweisungen nicht verkehrt. Neulich haben wir etwa gemerkt, dass der Prüfling die Aufgabe eigentlich richtig anging, er aber mit der Beschreibung Schwierigkeiten hatte. Wir haben ihm dann aufgezeigt, was er kann, und nicht kritisiert, was er nicht kann. Das hat ihm geholfen.

Hat sich Ihre Prüfertätigkeit über die Jahre verändert?

Ja, ich bin älter geworden. Am Anfang, als ich die erste Prüfung abgenommen habe, hat mich der Lehrer in Meiningen an der Berufsschule noch darauf hingewiesen, dass ich mich bitte auf den Schülerparkplatz zu stellen hätte. Mittlerweile sprechen mich alle mit „Sie“ an und sind sehr förmlich mit mir. Dafür wird man mit jeder Prüfung souveräner und weiß, wovon man redet oder lernt auch neue Sachen kennen. Und der Spaß an der Sache, der hat sich nie verändert. Es ist schön, die Prüflinge zu begleiten. Es ist zwar immer nur eine kurze Begegnung im Rahmen der Prüfung, aber ich freue mich, wenn ich die Bürokaufleute zur Gesellenfreisprechung sehe. Das ist schon auch eine Anerkennung für mich.

Und die Prüfungsteilnehmer?

Man merkt, dass die Teilnehmer tatsächlich immer jünger werden, weil es oft keine Wartezeit zwischen Lehre und Meisterausbildung mehr gibt. Dadurch fallen ihnen die schriftlichen Prüfungen in der Regel leichter, aber beim praktischen Teil könnten sie dann noch eine Schippe drauflegen. Wir hatten auch schon Zwanzigjährige mit einem super Auftreten, aber manchmal fehlt da aufgrund des Alters noch das Selbstvertrauen, einem Lehrling zu sagen: „Ich will dir etwas beibringen, also höre auch zu!“ Es ist dann auch noch mal ein Unterschied, ob man eine normale Ausbildung macht oder in einem Familienbetrieb aufgewachsen ist, wo man diese Führungskompetenz und den richtigen Umgang mit Kunden von klein auf mitbekommt.

Denken Sie, Sie können als Prüferin den Teilnehmern auch etwas mit auf den Lebensweg geben?

Die Prüfung ist ja nur eine kurze Momentaufnahme. Im Gegensatz zu Ausbildern sehe ich die Leute nur etwa eine halbe Stunde zur Prüfung und kann ihnen höchstens durch meine Auswertung etwas raten. Aber dafür habe ich ja jetzt meine Dozentenausbildung gemacht und bin – wenn alles klappt – ab Oktober hier in Rohr tätig.

Lässt sich das denn mit Beruf und Privatleben gut vereinbaren?

Ja, das funktioniert ganz gut. Meine Arbeit als Prüferin und Dozentin findet nur tageweise statt. Es gibt immer mal Engpässe, und ich habe gesagt: „Wenn die Möglichkeit besteht, warum nicht?“ Außerdem kann ich so schlecht „nein“ sagen…

Ist Ihnen eine Prüfung ganz besonders in Erinnerung geblieben

Wir hatten zur AEVO mal eine echte Tatortreinigerin. Es war sehr interessant, was sie zu erzählen hatte. Das sind letzten Endes wirklich spannende Einblicke. Man weiß nie, wer einem so begegnet. Wir hatten zum Beispiel auch mal Vater und Sohn, zwei Dachdecker. Die haben sich nur angeguckt. Der eine hat genickt und der andere hat gearbeitet. Das war eine absolut nonverbale Kommunikation, sie verstanden sich einfach blind. Wir haben dann natürlich nachgefragt, aber auch so kann Ausbildung funktionieren. Am Ende hat der Vater nur gesagt: „Hast du gut gemacht!“

Lohnt es sich schon wegen solcher Erfahrungen, Prüfer zu werden?

Das kommt auf die Person an. Ich finde auch, man lernt als Prüfer immer etwas Neues dazu und bleibt im Stoff. Klar gibt es auch eine Vergütung, aber ich habe verinnerlicht, was mir mein Opa gesagt hat. Im Betrieb macht man lange Zeit dasselbe, aber Lehrpläne, Anforderungen und Prüfungssituationen ändern sich. Man spricht ja immer vom „ewigen Lernen“, und das kann man als Prüfer wirklich gut machen.

Außerdem fände ich es gut, wenn sich mehr junge Leute in den Prüfungsausschüssen engagieren würden. Es ist für die Prüflinge einfach angenehmer, wenn da jemand sitzt, der ihre Sprache spricht. Wenn sich jemand dafür interessiert, wäre mein Rat: „Einfach ausprobieren und keine Angst haben. Die andere Seite der Prüferbank ist auch nicht so schlecht!“

Kristina Keller findet: Es lohnt sich, auch einmal auf der anderen Seite der Prüferbank Platz zu nehmen.